GRASSI Museum für angewandte Kunst zu Leipzig: Zwei Leben für die Fotografie – Lillian Bassman und Paul Himmel

Ein Leipziger Fotograf twitterte kürzlich die Frage, warum Modefotografen eigentlich immer Fotos von Frauen mit Tierhörnern auf dem Kopf machen.

Bis zum 3. März 2012 zeigt das GRASSI Museum für angewandte Kunst zu Leipzig eine Fotografieausstellung, die beweist, dass diese Form von Originalität nicht nur in der Modefotografie zuhause ist, und dass es das Prinzip des “Photoshoppen” schon gab, bevor die namensgebende Software auf den Markt kam.

Grassi Museum for Applied Arts Leipzig Zwei Leben für die Fotografie Lillian Bassman and Paul Himmel

Lillian Bassman und Paul Himmel

Lillian Bassman und Paul Himmel werden den meisten Lesern wahrscheinlich nichts sagen. Und sogar die Kuratoren der Ausstellung, Professor Ingo Taubhorn von den Deichtorhallen Hamburg und Brigitte Woischnik von der Foto Factory München, geben zu, dass sie, als sie die Fotos zum ersten Mal gesehen haben, auch erst recherchieren mussten, wer hinter den Arbeiten steckt.

Hier also ein kurzer Ausflug in die Biografien der beiden: Sowohl Lillian Bassman als auch Paul Himmel stammen aus russisch-ukrainischen Einwandererfamilien und wuchsen in New York auf, beide studierten mit und bei Alexey Brodovitch und beide arbeiteten für Harper’s Bazaar.

Und beide produzierten aufregende Sammlungen fotografischer Arbeiten. Sammlungen, die weitestgehend unbemerkt, zumindest im öffentlichen Bewusstsein, blieben. Aber wenn man durch Zwei Leben für die Fotografie – Lillian Bassman und Paul Himmel geht, fragt man sich, wie das nur passieren konnte.

Nein, im Ernst. Wie konnten diese Arbeiten so unbemerkt bleiben?

Durch ihre künstlerischen Bestrebungen – wie so viele Designer und Künstler wollte auch Lillian Bassman eigentlich Malerin werden – entwickelte Lillian Bassman ihren eigenen Stil in der Modefotografie. Einen Stil, der weniger Interesse daran hatte, Mode in hellen Farben zu zeigen, als atmosphärische Welten zwischen Realität und Fantasie zu kreieren.

Heutzutage erreichen Modefotografen das gleiche mit Weitwinkel und Weichzeichner – oder eben Geweihen. Lillian Bassman verwendete monotone Kontraste und die unbegrenzten Möglichkeiten der Fotoentwicklung in der Dunkelkammer, um ihre faszinierenden Arbeiten zu kreieren. Arbeiten, die uns daran erinnern, dass Instagram Spaß ist und nicht mit einem tieferen Verständnis von Fotografie verwechselt werden sollte.

Paul Himmels Faszination war Bewegung. Auf der einen Seite tatsächliche Bewegung – seine Fotos beinhalten mehr verschwommene Bilder als wir jemals in einer Fotoausstellung gesehen haben – und auf der anderen Seite vermeintliche Bewegung bzw. der Moment vor der Bewegung. Seine Studie von Balletttänzern zum Beispiel beinhaltet einige der intensivsten, anschaulichsten Aufnahmen von Balletttänzern, die es wohl gibt.

Aber es sind nicht nur Inszenierungen und Studien. Unter den Fotografien sind auch Szenen aus den New Yorker oder Pariser Straßen sowie einfache Urlaubsfotos.

Grassi Museum for Applied Arts Leipzig Zwei Leben für die Fotografie Lillian Bassman and Paul Himmel

GRASSI Museum für Angewandte Kunst zu Leipzig: Zwei Leben für die Fotografie Lillian Bassman und Paul Himmel

Die Ausstellung wurde erstmals 2009 in den Deichtorhallen Hamburg gezeigt, für die im GRASSI Museum haben sich die damaligen Kuratoren mit dem Leiter der GRASSI Fotosammlung, Eberhard Patzig, zusammengetan, um eine neue Ausstellung, zugeschnitten auf den Raum und die Atmosphäre in Leipzig, zu kuratieren.

Neben der Ausstellung eines faszinierenden Überblicks über die Arbeiten von Lillian Bassman und Paul Himmel, veranschaulicht die Ausstellung im GRASSI Museum außerdem ganz wunderbar den Arbeitsprozess hin zur Veröffentlichung der Fotos. Ausgewählte Arbeiten werden so neben den Kontaktabzügen ausgestellt, sodass man nachvollziehen kann, welches Bild ausgewählt wurde und welchen Einfluss diese Wahl hatte. Andere werden zusammen mit den Zwischenschritten dargestellt, die den Weg von der ersten Aufnahme zum veröffentlichten Foto zeigen.

Und alle gezeigten Arbeiten stammen aus einer Zeit, in der Computerbearbeitung noch nicht möglich war. Oder fast alle…

In späteren Jahren experimentierten Lillian Bassman und Paul Himmel auch mit Computerbearbeitung, wovon einige Ergebnisse in die Ausstellung eingingen. Lillian Bassman verwendete moderne Technik, um von den Negativen Bilder zu kreieren, die man so mithilfe analoger Fotografie nicht hätte schaffen können. Paul Himmel nutzte die Technik, um seine Bilder nachzuschneiden und so in einen neuen Kontext zu setzen. Etwas, das in der Ausstellung wunderbar durch das Nebeneinander von “Alt” und “Neu” dargestellt wird.

Für alle, die die “Standard” schwarz-weiß oder Modefotografieausstellungen müde sind, ist Zwei Leben für die Fotografie – Lillian Bassman und Paul Himmel die perfekte Alternative. Die Ausstellung zeigt unbekannte Arbeiten zweier relativ unbekannter Fotografen, und das in einem Kontext, der einen die beiden mögen machen muss.

Zwei Leben für die Fotografie – Lillian Bassman und Paul Himmel kann noch bis zum 3. März 2013 im GRASSI Museum für Angewandte Kunst zu Leipzig gesehen werden. Neben der Ausstellung selbst präsentiert das Museum außerdem ein Rahmenprogramm mit Filmen, Führungen und Workshops.

Weitere Informationen gibt es unter www.grassimuseum.de

Um unserer Anerkennung Ausdruck zu verleihen, haben wir unsere Eindrücke von der Ausstellung in schwarz-weiß festgehalten und mit gelegentlichen Bewegungen versehen…

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2 Antworten auf GRASSI Museum für angewandte Kunst zu Leipzig: Zwei Leben für die Fotografie – Lillian Bassman und Paul Himmel

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